Orientierungswissen: Folien zum Thema Verhaltensstörungen

Förderschwerpunkt Soziale und Emotionale Entwicklung (Verhaltensstörungen)

Definition: Teil 1

Der Begriff bezeichnet eine soziale Behinderung, die durch abweichende Verhaltens- oder sozial-emotionale Reaktionen bei Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet ist. Die Normabweichungen in entwicklungsbezogener und gesellschaftlicher (kultureller, ethnischer) Hinsicht lassen die weitere Bildung und Erziehung des Schülers bzw. der Schülerin als gefährdet erscheinen. Symptomatisch sind im allgemeinen sozial-emotionale und schulleistungsbezogene Störungen. Eine emotionale Störung oder Verhaltensauffälligkeit tritt über einen längeren Zeitraum (mehrere Monate) in mehreren (mindestens zwei) Lebensbereichen auf, wovon einer die Schule ist.

Definition: Teil 2

Sie ist also mehr als eine zeitlich begrenzte Reaktion auf besondere Stressereignisse; sie ist weiterhin dadurch gekennzeichnet, dass sie mit den Möglichkeiten der allgemeinen Schule nicht ausreichend abgebaut werden kann.
Eine emotionale Störung oder Verhaltensauffälligkeit kann in der Regel durch ein abgestuftes Fördersystem so weit abgebaut werden, dass Betroffene möglichst unter Regelbedingungen unterrichtet und zu einem qualifizierten Schulabschluss geführt werden.

Definition: Bestimmungsstücke

soziale Behinderung, abweichende Verhaltens- oder sozial-emotionale Reaktionen, Normabweichungen, gefährdete Bildung und Erziehung,
symptomatisch: sozial-emotionale und schulleistungsbezogene Störungen, dauerhaft, Settings: mehrere, mehr als eine zeitlich begrenzte Stressreaktion,
mit den Möglichkeiten der allgemeinen Schule nicht ausreichend abbaubar,
durch ein abgestuftes Fördersystem beeinflussbar und möglicherweise abbaubar, Unterricht möglichst unter Regelbedingungen, zu einem qualifizierten Schulabschluss führend.

Fördersystem: Anforderungen
‘besondernde’ Platzierungsrichtung - soweit notwendig, ‘eingliedernde’ Platzierungsrichtung - so bald als möglich
Stufe 1: Förderung in der Grundschule (ohne …)
Stufe 2: Grundschulklasse mit sonderpädagogischer Beratung
Stufe 3: Grundschulklasse mit sonderpädagogischer, zeitlich begrenzter, ambulanter Begleitung
Stufe 4: Grundschulklassen mit integrativer sonderpädagogischer Förderung
Stufe 5: Grundschulklassen mit integrativer sonder-pädagogischer Förderung und zeitweiligem Besuch eines Förderkurses
Stufe 6: Sonderklassen bzw. Förderschulen für Erziehungshilfe

Klassifikation 1

Empirische Klassifikation
Dimensionale Klassifikationen:
zwei sog. ‘Breitbandfaktoren’, nämlich überkontrolliertes ( internalisiertes) und unterkontrolliertes (externalisiertes) Verhalten. Dem Faktor der Externalisierung sind die Schmalbandfaktoren aggressive und dissoziale Verhaltensweisen, der Internalisierung sozialer Rückzug, körperliche Beschwerden, ängstlich-depressives Verhalten zugeordnet. Weiterhin gibt es einen Breitbandfaktor der sog. ‘gemischten’ Störungen, der soziale Probleme, ‘schizoid/zwanghaft’ und Aufmerksamkeitsstörungen zum Inhalt hat.
Kategoriale Klassifikation arbeitet mit konkreten Symptomen; bekannteste kategoriale Systeme: das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen DSM IV(-TR) der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie (auf dt. Saß et al., 1998), und die Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 bzw. ICF der Weltgesundheitsorganisation WHO (dt. Dilling et al., 1993)

Klassifikation 2
Kategoriale Klassifikation arbeitet mit konkreten Symptomen; bekannteste kategoriale Systeme: das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen DSM IV(-TR) der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie (auf dt. Saß et al., 1998), und die Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 bzw. ICF der Weltgesundheitsorganisa-tion WHO (dt. Dilling et al., 1993)

Beeinflussende Faktoren
Physiologisch-organische Ursachen (MCD, ADHD)
Psychodynamische Ursachen (frühe Erf‘n)
Soziale Prozesse der Etikettierung und Stigmatisierung (Delinquenz)
Fehlende und ungünstige Lerngelegenheiten
Gesamtgesellschaftliche Verhältnisse (Entkoppelungen, Anomalie)
Kulturelle Faktoren (Medien, Milieu, Peers, Eltern-Pathologien, Schule)

Verbreitung (Prävalenz)
Jugendpsychiatrieschätzung: 13%
Pädagogenschätzung: 15% bis 20%
Goetze und Julius (2001) > Prävalenz von verhaltensgestörten Kindern in einem Brandenburger Landkreis > 15,3 % der Grundschüler der dritten Klassen und 14,1% der Schüler der sechsten Klassen klinisch auffällig.

Diagnostik
Inventarien: CBCL bzw. TRF, Einschätzung der Sozialbeziehungen über Rating-Skalen, Soziogramme zur Erhebung der Soziostruktur einer Klasse. Explorationsgespräche.
Leistungs-, Persönlichkeits- und Verhaltensdia-gnostik mit Intelligenztests (wie LPS, IST, HAWIK, CFT), Schulleistungstests, Funktions-tests (die einzelne Funktionen wie z.B. Aufm., Konzentration, Gedächtnis, Wahrnehmung, Psychomotorik abprüfen), Persönlichkeits-diagnostik (mit projektiven Verfahren, Ratings mit beiden Klassifikationssystemen DSM IV u. ICD 10), systematische Verhaltensbeobachtung.

Interventionen
Operante Verhaltensmodifikation, kognitive Verhaltensmodifikation, wozu die rational-emotive Therapie genauso gehören wie die Selbstinstruktionsverfahren im Sinne Meichenbaums, das Rollenspiel und Psychodrama (nach Jacob Moreno), kunst- und musiktherapeutisch orientierte Verfahren, Entspannungsverfahren, Meditation, autogenes Training, progressive Muskelentspannung und geleitetes Bilderleben, Spieltherapie, Handpuppenarbeit, Metaphergeschichten, Gesprächstherapie bzw. die “Lehrer-Schüler-Konferenz”, Realitätstherapie (nach William Glasser), Life-Space-Intervention (nach Fritz Redl).

Modifikation des sozialen Unterrichtsverhaltens

Unpünktlichkeit
verbale Störungen
motorische Unruhe
störendes Sozialverhalten

zuerst immer: Grundrate erheben,
anschließend: Interventionen auswählen

Problem: Unpünktlichkeit
Dieses Problem ist eine Quelle sozialer Unruhe und von Leistungsdefiziten. – Bei chronischem Auftreten: ein Signalverhalten (z.B. Aufmerksamkeit, Wut, Schulphobie, Vermeidung, Aussteigerkarrierestart).
Interventionen
Verstärkungsprogramme: Schüler, die rechtzeitig erscheinen, erhalten ein Token (eine Münze), Tokens können später für eine beliebte Tätigkeit eingetauscht werden. Tokenabzug bei Unpünktlichkeit. Tokenansprüche mit der Zeit systematisch steigern.

Problem: Unpünktlichkeit
Zeitpläne aufstellen: mit der Lehrkraft zusammen (Was ist vor Schulbeginn zu welchem Zeitpunkt zu tun ist, um pünktlich anzukommen?)
Stechuhrprinzip: Nach dem Eintreffen Name und Uhrzeit in eine Liste eintragen (stört den laufenden Unterricht kaum).
Aktivitätsverlagerung: Angenehme Aktivitäten an den Stundenanfang verlagern und damit Anreiz geben
Verträge: Pünktlichkeitsmerkmale genau beschreiben, auch für Selbstkontrollinterventionen geeignet.
Problem: Unpünktlichkeit
Elternarbeit: Eltern in Verträge einbinden.
Privilegienverlust: In einem Vertragssystem könnte auch geregelt werden, dass unpünktliche Schüler u.U. Punkte verlieren (s.o.) oder an beliebten Aktivitäten zeitweise nicht teilnehmen dürfen.
Helfersystem: Einen pünktlichen Klassenkameraden zuordnen (wird vor Stundenbeginn und außerhalb des Schulgebäudes, bereits auf dem Schulweg aktiv).

Problem: Verbale Störungen
Problem: in die Klasse rufen und damit die fortlaufenden produktiven Klassenaktivitäten stören. Schüler und Lehrkraft werden von der Arbeit abgelenkt.
Definition:
in die Klasse rufen, ohne sich gemeldet zu haben,
Streitgespräche beginnen,
sich mit dem Nachbarn unterhalten,
über unterrichtsferne Inhalte sprechen.

Ursachen: unerkannte Hörprobleme, unangemessene Unterrichtung, Übersehenwerden durch die Lehrkraft, Störquelle woanders, Aufmerksamkeitssuche, Rachegedanken.

Problem: Verbale Störungen
Klassenregeln: zu Beginn absprechen und einführen
Verstärkungsmaßnahmen: Ziel: Störverhalten ab- und ein angemessenes Sprechverhalten aufbauen. Aktivitätsverstärker z.B. Spielzeit am Computer, begehrte Aktivitätsprivilegien, sportliche Pausenaktivitäten.
Vertragssystem: z.B. zu Beginn einer Unterrichtseinheit 10 Punkte gewähren, die bei Regelverstößen abgezogen werden.
Selbstkontrolltechniken: Jedes angemessene Verhalten selbst aufzeichnen, aufsummieren, sich selbst bewerten und selbst verstärken.

Problem: Verbale Störungen
Signale setzen: vorher vereinbaren (z.B. gelbes Schild = Lärm stört mich).
Außenbeobachter einsetzen: einen Kollegen Unterricht beobachten und einschätzen lassen.
Bestimmte Verhaltensweisen unterlassen: Schüler negativ etikettieren und ihn mit seinem Störverhalten zu identifizieren (z.B. „Typisch, unser Störenfried”). - In der Störsituation nicht an die Einsicht appellieren.
Andere Interventionen: andere Sitzordnung, Ignorieren des Störverhaltens, Gelegenheit bieten, für längere Zeit vor der Klasse zu sprechen (dem Redebedürfnis Rechnung tragen).

Problem: Motor. Unruhe
Definition: feinmotorisch am Platz mit Bewegungen und Geräuschen, grobmotorisch als Verlassen des Arbeitsplatzes ohne Erlaubnis.
Folge: negative Modellwirkung auf andere.
Ursachen: ADHD-Syndrom? Persönliche Drucksituation (z.B. in Form einer Erpressung)? Ängstlichkeit (Bewegung soll kompensieren)? Überstimulation? Langeweile?
INTERVENTIONEN
Regeleinführung: Erwünschtes Verhalten definieren, demonstrieren, im Rollenspiel modellieren und umsetzen. Rückmeldung darüber geben, wie gut das Verhaltensziel, auf dem Platz zu bleiben, auch in Anfechtungssituationen erreicht wurde.

Problem: Motor. Unruhe
Verstärkungspläne: Zielverhalten: am Platz verbleiben. Zeitdauer protokollieren, Punkteverluste, wenn der Platz kurz verlassen wird.
Bewegungserlaubnis geben: gerade bei ADHD, z.B. gesamte Lerngruppe an die Tafel bitten und dort etwas anzuschreiben. - Vergabe von Sonderaufgaben.
Herstellung von räumlicher Nähe

Problem: Motor. Unruhe
Selbstkontrolltechniken: Z.B. ein Tableau mit Zeitintervallen reichen, in das der Schüler einträgt, wie gut ihm die Erreichung des Verhaltensziels gelungen ist, am Platz zu bleiben. Anschließende Selbstverstärkung.
Erhebung von Zufallsstichproben:
Zu unvorhergesehen Zeiten Signale aussenden und feststellen, ob der Schüler sich genau zu diesem Zeitpunkt auf seinem Platz aufgehalten hat. Das Ergebnis wird jeweils in einer Liste notiert.
Störendes Sozialverhalten
Formen: physische und / oder verbale Aggressionen (Schimpfwörter, Streitgespräche, Verweigerungen, Einsatz von Körperkräften), sowie zurückgezogenes Verhalten (verbaler Kommunikation oder physischer Nähe ausweichen, Weinerlichkeit).
INTERVENTIONEN
Modelllernen: Modelle anbieten, die sich nicht-aggressiv oder ängstlich verhalten, obwohl sie Konflikte/Anfechtungen durchleben (Modelle: Erwachsene, Filmstars, Klassenkameraden).

Störendes Sozialverhalten
Alternative Verhaltensweisen lehren und damit Kompetenzen vermitteln
Rollenspiel: in entspannter Atmosphäre nach Kompetenzvermittlung.
Verstärkungsprozeduren: Verstärkungen für nicht-aggressives Verhalten vergeben, jedoch vorher in einen Plan einbauen, der für längere Zeit gilt. Einbezug der Klassenkameraden, wenn das Aggressionsproblem stark ausgeprägt ist. Die Mitschüler werden veranlasst, den Zielschüler für nicht aggressives Verhalten systematisch zu belohnen.

Störendes Sozialverhalten
Strafprozeduren: keine ‘drakonischen’ Strafen einsetzen, vielmehr Time-out-Prozeduren, Privilegienentzug, Aktivitätsverstärkerminimierung; zu positiven Verstärkungen in Beziehung setzen.
Social-Skills-Trainings: z.B. Insel-Programm, Insula-Programm

Störendes Sozialverhalten
Besondere Interventionen für zurückgezogene Schüler:
Ermutigungen, mit anderen zu interagieren, dadurch Verstärkungspunkte erreichen. Manchmal: Mitschüler dafür verstärken, mit dem ängstlichen Schüler Kontakt aufzunehmen und ihn in soziale Aktivitäten zu verwickeln. Möglicherweise: Geheimverträge abschließen, wenn größere Ängstlichkeit folgt, nachdem ihn die Aufmerksamkeit des Lehrers in den Mittelpunkt stellt. - Auch Modelllernen dadurch, dass ihm ein befreundeter Klassenkamerad, der nicht ängstlich ist, an die Seite gestellt bzw. gesetzt wird.
Leistungsverhalten

Typische Verhaltensdefizite
in Bezug auf ihr
Aufmerksamkeitsverhalten,
ihr Arbeits- und Organisationsverhalten angehen.

Aufmerksamkeitssteuerung
Hinweisreize aussenden (z.B. „fertig?”), aber auch visuell.
Lehrerzuwendung
U-förmige oder kreisförmige Sitzordnung
sich einen Überblick über die getane Arbeit verschaffen
Herstellung der physischen Nähe
mit Überraschungen arbeiten und damit nicht stark vorhersehbar sein
räumliche Klassenaufteilung ändern (Arbeitsecken, kleine Büros)
Lernmaterialien vereinfachen

Planung- und Organisation
Herstellung eines Zeitschemas, in das detailliert für einzelne Stunden die Aktivitäten eingetragen werden.
Hilfe bei der Organisation der Materialien: Arbeitsplatz in Ordnung halten, ein Arbeitsbuch anfertigen, regelmäßig überprüfen.
Instruktionen variieren: Zunächst Aufgabenstellungen verbal, anschließend schriftlich geben
Prinzip der kleinen Schritte: Arbeitsanweisungen zu Anfang in kleinen Schritten geben, allmählich Schritte vergrößern, bis das Kind in der Lage sind, auch komplexere Arbeitsanweisungen zu befolgen.
Fragen stellen lernen

Planung- und Organisation
Steigerung der Sorgfalt: mit kognitiven Verhaltens-modifikationsprogrammen, mit deren Hilfe die Schüler erst laut verbalisierend, dann innerlich sprechend eine Strategie verfolgen, um zu mehr Sorgfalt zu finden. In ein kognitives Modifikationsprogramm gehört möglicherweise auch die Einführung einer „Denkzeit” von fünf bis zehn Sekunden. Dabei werden die Schüler dazu angeleitet, erst zehn Sekunden vergehen zu lassen, bis sie auf eine Aufgabe hin reagieren. Auch Verhaltensmodifikationsprogramme sind einsetzbar, bei denen Schüler für erreichte Sorgfalt mit Tokens belohnt werden, welche wiederum am Ende des Programms in eine beliebte Aktivität eingetauscht werden können.

Planung- und Organisation
Elternarbeit: Die Eltern sollten systematisch in die zu organisierenden Planungstätigkeiten des Kindes einbezogen werden. Dazu ist es notwendig, dass die Erledigung der Hausaufgaben im Elternhaus überwacht wird und die Eltern auch die Umsetzung von Ordnungsprinzipien im Elternhaus überwachen.

Planung- und Organisation
Response- Cost-Verfahren: Leichte Strafverfahren können für unsorgfältiges Arbeiten in der Weise angewendet werden, dass es Punktabzug für falsche Lösungen gibt. Diese Prozedur kann auch in der Weise variiert werden, dass für jede falsche Lösung eine zusätzliche Aufgabe zu bearbeiten ist.
Einsatz von Tutoren: Tischnachbarn als Tutoren einsetzen. Die Tutoren stellen dann nicht nur ein Modellverhalten dar, sie handeln in Absprache mit dem betroffenen Schüler auch kooperierend, indem sie dem Schüler helfen, sich selbst zu überwachen.

Abschlussgedanke und -wünsche
Veranstaltungsinhalte waren: Basisbegriffe der Behindertenpädagogik, Lernbehinderten- und Verhaltensgestörtenpädagogik
Ergänzt um einen Hospitationstag

Wunsch: Ihr Augenmerk sollte sich auf jene Schüler richten, die es nicht so leicht haben, herausfallen und deshalb Ihrer Empathie in besonderer Weise bedürfen.

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